EU-Bericht zur Natur: Wenn die Feldlerche nicht mehr singt

Es sind dramatische Zahlen zum Biodiversitätsverlust in der EU. Vögeln, anderen Tieren und gesamten Ökosystemen geht es immer schlechter. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Landwirtschaft.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

1998 und 2019 wurde die Feldlerche in Deutschland zum Vogel des Jahres gekürt. Eine Auszeichnung, die auf die Gefährdung der Tiere und Lebensräume aufmerksam machen soll. Der heute veröffentlichte Bericht zum “Zustand der Natur in der EU” der Europäischen Umweltagentur bestätigt genau das: Die Natur leidet, die Artenvielfalt schwindet.

Besonders Flora und Fauna in Gebieten, die exzessiv von der Landwirtschaft genutzt werden, geht es überwiegend schlecht: 39 Prozent der Vögel, 63 Prozent der anderen Tiere und sogar 81 Prozent der Ökosysteme, die in der Europäischen Union nach der FFH-Richtlinie (FFH ist die Abkürzung für Flora-Fauna-Habitat) geschützt sind, seien in unzureichendem oder schlechtem Zustand. Vor allem Grasland, Wiesengebiete sowie Meere und Küsten werden genannt.

Zu viel Druck auf die Tier- und Pflanzenwelt

“Der ‘Bericht zum Zustand der Natur’ in Europa ist die größte und umfassendste Datensammlung, die jemals zum Zustand von Flora und Fauna in der EU zusammengetragen wurde”, freut sich der Chef der Europäischen Umweltagentur, Hans Bruyninckx.

Doch die Hauptnachricht ist keine gute: “Während einige wenige Arten und Lebensräume sich auf dem gleichen Niveau wie bei der letzten Erhebung bewegen, befindet sich die Mehrheit der Tiere und Ökosysteme in einer schlechten oder sogar sehr schlechten Verfassung”, so Bruyninckx. Denn die verschiedenen Faktoren, die Druck auf die Tier- und Pflanzenwelt ausübten, seien einfach zu viele und zu groß, stellt der Belgier fest.

Immer weniger Brutpaare in der EU

463 verschiedene Wildvogelarten gibt es in der Europäischen Union – aber nur 47 Prozent aller Vogelarten geht es gut. Vor sechs Jahren waren es noch 52 Prozent gewesen. Ein Rückgang um fünf Prozentpunkte. 39 Prozent der Vögel haben zwischenzeitlich einen schlechten oder sogar sehr schlechten Status.

Es gibt immer weniger Brutpaare. Vor allem auf Wiesen und Feldern ist die Entwicklung deutlich rückläufig – dies sind genau die Landschaften, die Feldlerche und Haselhuhn benötigen. Ein weiteres Problem: 86 verschiedene Vogelarten werden nach wie vor bejagt – vor allem in Südeuropa.

Wie geht es den Meeren?

Der Bericht fokussiert sich nicht alleine auf die etwa 2000 gefährdeten Tierarten, sondern blickt auch auf die Ökosysteme und Lebensräume dieser Tiere. 233 verschiedene Landschaftstypen in Europa gelten als besonders schützenswert. Dies sind etwa Moore, Dünenlandschaften oder Urwälder. Insgesamt befinden sich 81 Prozent dieser Lebensräume aus Sicht des Artenschutzes in einem unzureichenden oder schlechten Zustand. Vor allem die landwirtschaftlich genutzten Grünflächen, aber auch Seen und Moore sind betroffen. Und die Lage verschlechtert sich laut den Verfassern der Studie stetig weiter.

Besonders schwierig sind laut dem Forscherteam Aussagen zum Zustand der Meere: Obwohl neun europäische Regionen sogar eine maritime Schutzzone ausgewiesen haben, gibt es keine konkreten Zahlen zu Artenvielfalt und Vorkommen – nicht einmal für gut bekannte Arten wie Seeschildkröten oder Zwergwale.

Ehrenamtliche haben eine wichtige Rolle

Der Bericht zum “Zustand der Natur in der EU” erscheint alle sechs Jahre und basiert auf den eingereichten Daten der Mitgliedsländer. Zum ersten Mal ist auch Kroatien mit dabei. Die Zahlen aus Rumänien seien allerdings nur lückenhaft, heißt es von den Verfassern der Studie. Aus Deutschland werden die Daten des FFH-Monitorings zu Grunde gelegt.

Eine wichtige Datenbasis liefern die Vogelzählungen von vielen Tausend Ehrenamtlichen zwischen 2013 und 2018. In etwa 14.000 Stichproben erfassten sie den Zustand von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen. Aus all diesen europäischen Daten lassen sich Rückschlüsse auf die Lage der Natur insgesamt ziehen.

Laut NABU gibt es zu wenige freie Flächen

Die Situation in Deutschland unterscheidet sich laut Naturschutzbund Deutschland, NABU, nicht vom allgemeinen EU-Trend: Besonders Feldvögel wie die Lerche oder das Haselhuhn verschwinden auch hierzulande.

Was fehle, seien unbewirtschaftete Flächen, auf denen die Vögel Nahrung finden und in Ruhe brüten könnten. “Europa ist ein intensiv genutzter Lebensraum, insbesondere die Landwirtschaft richtet große Schäden an der Artenvielfalt an, ebenso wie die Zersiedelung und der Ausbau sinnloser Verkehrsachsen”, konstatiert Magnus Wessel vom NABU.

Als wesentliche Ursachen für die Probleme nennt die Europäische Umweltagentur die Landwirtschaft: Dünger und Pestizide, die intensive Nutzung und Versiegelung von Flächen durch Bebauung, aber teils auch das Abholzen von Wäldern, die Energieproduktion, bis hin zu Tourismus und Freizeitaktivitäten wie Sport.

EU debattiert über gemeinsame Agrarpolitik

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts passt zur politischen Agenda in Brüssel: In dieser Woche steht im EU-Parlament die Abstimmung über die Agrarreform an. Entschieden wird über die künftige gemeinsame Agrarpolitik bis 2027. Dabei geht es unter anderem darum, wie viel Platz landwirtschaftliche Betriebe für den Schutz der Artenvielfalt vorhalten müssen, also etwa Blühflächen, Grünstreifen oder Hecken, wenn sie künftig noch Subventionen aus EU-Töpfen bekommen wollen.

Im Zustandsbericht finden sich aber auch gute Nachrichten: Auf regionaler Ebene entstünden durch gezielte Schutzmaßnahmen wahre Erfolgsgeschichten, so die Umweltagentur. Als Beispiel nennt sie etwa die Papageientaucher in Nordeuropa. Die Zahl der Brutpaare habe sich wieder erhöht. Und beim europäischen Bieber habe sich der Bestand immerhin stabilisiert.



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